Wanderausstellung Vergissmeinnicht

Es ist geschehen, und folglich
kann es wieder geschehen.

Darin liegt der Kern dessen,
was wir zu sagen haben.

Primo Levi (1919-1987) italienischer Schriftsteller

Auch das gehört zu Franken: Unsägliches Leid, das unschuldigen Menschen widerfahren ist. In der dunkelsten Zeit Deutschlands. Das durch nichts zu entschuldigen ist und nicht in Vergessenheit geraten darf.

Wanderausstellung Vergissmeinnicht

Nein, das hatte ich nicht erwartet. Darauf Kinder, die mir entgegenblicken. Direkt in meine Augen. Mit Schultüte, im Matrosenanzug oder inmitten eines Klassenfotos. Glückliche Kinder. Alltagssituationen. Die Dramatik: Zum Zeitpunkt der Aufnahme ahnt keines der Kinder, wie bald die unbeschwerte Zeit ein jähes Ende finden wird. Ihre Welt aus den Fugen gerät und nichts mehr so sein wird, wie es war.

Tief berührt und mit unsicheren Schritten gehe ich von Banner zu Banner. Ein flaues Gefühl im Magen ist mein Begleiter. Welches Leid mag sich hinter den Kinderaugen verbergen, die mich gerade anschauen? Beim Lesen der Biografien treibt es mir immer wieder Tränen in die Augen. Es ist kaum auszuhalten. Das Wissen um die Endgültigkeit macht es schier unerträglich. Vom Kinderzimmer in die Hölle. Die meisten von ihnen hatten keine Chance. Keine Chance auf Leben. Keine Hoffnung auf Zukunft. 

Denn auf den Bannern ist der Leidensweg von 22 jüdischen Kindern dokumentiert. In der Zeit des Nationalsozialismus. 22 Kinderbiografien. Sie stehen stellvertretend für 1,2 Millionen jüdischer Kinder, die im Dritten Reich verfolgt und ermordet wurden. Der Grund: Sie passten einfach nicht in das antisemitische Gedankengut des NS-Regimes. 22 Kinder, allesamt aus den ehemaligen fränkischen Landkreisen Haßfurt, Hofheim und Ebern.

Deportierte jüdische Kinder

22 Kinder – und nur 6 von Ihnen überlebten

Wir besuchen die Wanderausstellung Vergissmeinnicht in Ebern. Sie ist das Ergebnis eines Praxis-Seminars des Friedrich-Rückert-Gymnasiums in Ebern. Fast zwei Jahre lang haben sich 16 Schülerinnen und Schüler unter der Leitung von Oberstudienrat (OStR) Daniel Heß mit dem menschenverachtenden Handeln des deutschen NS-Regimes auseinandergesetzt. Haben Unmengen an Material gesichtet und ausgewertet, um die Schicksale jüdischer Kinder während dieser Zeit zu dokumentieren.

Die Archivarin Cordula Kappner aus Haßfurt war dabei Ideengeberin, externe Partnerin und – die graue Eminenz. Sozusagen das Gewissen, das an jedem Projekttag dabei war. In ihrem Archiv im Schloss Gleisenau warteten Kisten voller Akten darauf, in Augenschein genommen zu werden. Fotos, Schulzeugnisse und Deportationsbefehle jüdischer Kinder, die das Leid und den Schrecken der NS-Zeit erfahren mussten. Zeugnisse einer düsteren Epoche. Es sollte Cordula Kappners Lebenswerk werden, diesen Kindern ein Denkmal zu setzen. Angetan von ihrer Idee und der unkonventionellen Persönlichkeit der Geschichtsforscherin, setzte OStR Daniel Heß alle Hebel in Bewegung, das Vorhaben zu realisieren. Frau Kappner durfte die Eröffnung der Wanderausstellung Vergissmeinnicht am 13. Januar 2017 noch miterleben. Sie verstarb am 7. April 2017.

Praxis-Seminar FRG Ebern

(Foto, Tanja Kaufmann, Freie Presse Ebern)

Wer aber frage ich mich, sind die jungen Menschen, die sich mit einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte auseinandergesetzt haben? Wer sind sie, dass sie sich freiwillig durch Aktenberge wühlten, sich mit der Willkür einer Schreckensherrschaft beschäftigten. Einem heiklen Thema stellten – das aufgrund der Flüchtlingssituation in Deutschland aktueller nicht sein könnte? Ich will es wissen.

Projektgruppe FRG Ebern

(Foto Rudi Hein)

Praxis-Seminar FRG Ebern

Es sind Teenager wie sie dir jeden Tag auf der Straße begegnen. Im Seminar haben sie sich zusammengefunden, um einzutauchen in Pappkartons voller Unterlagen. In kleinen Teams holten sie ans Licht, was von Cordula Kappner akribisch zusammengetragen wurde. Die Entscheidung zu treffen, wie viele Kinderbiografien den Weg in die Ausstellung finden war emotional sehr belastend. Auch, dass die Kinder nicht irgendwo weit weg lebten, sondern ganz in der Nähe. In Ortschaften, die man kennt – also quasi um die Ecke.

„Die Schülerinnen und Schüler stiegen ganz tief in das Thema ein und waren voll bei der Sache“, erzählt Daniel Heß. „Auch wegen der schweren Erkrankung von Frau Kappner, die ihnen ans Herz gewachsen war. Das Projekt durfte nicht scheitern. Alle wussten, wie sehr es eine Herzensangelegenheit von Cordula Kappner war, das Schicksal der jüdischen Kinder nicht im Verborgenen zu lassen“.

Ich treffe mich mit Johanna, Alina und Julian. Drei junge, aufgeschlossene Abiturienten. Sie erzählen ganz offen von den kleinen und großen Begebenheiten, die sie während des Projektes erlebten. Wie sie über die NS-Zeit denken und was sie mitnehmen in den neuen Lebensabschnitt, der jetzt vor ihnen steht. Zunächst hatten sie keine große Erwartung an das Projekt. Was entstanden ist, hat sich in den Teams und durch die Aufgabe entwickelt.  Ihr Fazit: „Was damals passierte war ganz schlimm. Und weil es so schlimm war, darf es nie wieder passieren.”

Jüdische Kinder – Sie waren so alt wie wir

Johanna, Alina und Julian erzählen: Alle diese jüdischen Kinder hatten eine Zukunft vor sich, haben aber keine bekommen. Als ihre Welt sich aufhörte zu drehen, waren sie in unserem Alter. Das schafft noch mal einen ganz besonderen Bezug dazu. Du beschäftigst dich mit dem Leben eines jungen Menschen und weißt von Anfang an, an welchem Tag und wo sein Leben endete. Ermordet. In einem Konzentrationslager. Einfach so. Weil er nicht in das Weltbild des Regimes passte. Das ist schwer nachvollziehbar.  

Gruppenbild im Garten Synagoge

Einmal haben wir einen Text über ein Mädchen gelesen, das im KZ war. Danach ging eine Viertelstunde gar nix mehr, weil es so schrecklich war. Wir saßen ergriffen da und konnten nur noch schweigend den Kopf schütteln. Diese bewegenden Momente waren an der Tagesordnung. Denn für uns war es ja noch viel intensiver, als für den Besucher, der sich die fertige Ausstellung anschaut. Wir haben so viel Material in den Händen gehalten – Familienfotos, Fotos von Schule und Kindergarten, Polizeiberichte, persönliche Briefe… Zu definieren, was davon ist wichtig und was weniger, das war nicht einfach. Doch da waren ja auch die Überlebenden. Und ihre Geschichten machten für uns alles ein wenig erträglicher.

Deportationsbefehl

Am Ende sollte etwas Sichtbares bleiben

Das ist gelungen. Wir haben so sehr gehofft, dass die Ausstellung ein Erfolg wird. Dass es aber tatsächlich funktioniert, das hätten wir nicht für möglich gehalten. Vor allem nicht, dass sie so erfolgreich läuft. Die Resonanz ist großartig. Die Ausstellung ist bis Ende des Jahres ausgebucht. Eine Anfrage aus Portugal wird derzeit bearbeitet.  Aus Kanada und Israel wurde ebenfalls schon Interesse bekundet. Die Universität Maryland holt die Wanderausstellung Vergissmeinnicht anlässlich des 90. Geburtstages von Fred Emil Katz im November in die USA. Fred Emil Katz ist einer der sechs überlebenden Kindern von damals. 

Ich kann nur sagen: Chapeau! 16 Schülerinnen und Schüler haben 22 Kinder-Biografien in mühevoller Kleinstarbeit lebendig werden lassen.  Gemeinsam mit OStR Daniel Heß, Cordula Kappner und dem Grafik-Designer Oliver Heß. Vergissmeinnicht ist eine Wanderausstellung die tief berührt und nachdenklich macht. Die sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt und dazu beitragen will, dass es nie wieder geschieht. Sie will die Erinnerung daran wachhalten. Ein Mahnmal.

Vergissmeinnicht

„Es spielt keine Rolle in welchem Land du bist oder lebst. Es ist das Gesicht mit seiner Geschichte, das berührt. Dieses Gesicht darf nicht in Vergessenheit geraten“, sagt Daniel Heß. 

Vergissmeinnicht

Kontakt: OstR Daniel Heß, Mail:
hessd@web.de
Aktuelle Ausstellungstermine:
Friedrich-Rückert-Gymnasium
Eine Ausleihe ist kostenlos. Telefon: 09531 92210

Deportierte jüdische Kinder

Das könnte dich auch interessieren:

Lothar Mayer – Ein Mann, der ausstieg seine Träume zu leben