Der Morgen graut gerade und zwischen den Hügeln wabbern noch die Schwaden des Morgennebels. Heute heißt es eher dran zu sein – der frühe Sucher findet was. Die Nachrichten haben gestern zur Jagd gerufen. In allen Medien wurde die Pilzsaison verkündet. Was die passionierten Pfiffersucher schon lange wissen und für sich behalten haben, wird nun Scharen an Sammler in die fränkischen Wälder treiben.

Vom Waldrand laufe ich gute 20 Minuten bis ich an Ort und Stelle bin. Die frische Luft ist so herrlich. Mit leisem Klicken fallen die ersten gelben Birkenblätter zu Boden und betupfen ihn mit Farbklecksen. Tiefschwarze Brombeeren blitzen im Sonnenlicht auf und knallige Ebereschen leuchten auf saftigem Moos. Pfiffer strecken ihre Köpfe empor. Verzaubert sauge ich diese Stimmung in mich auf. Jetzt die Zeit anhalten können.

Pfiffer locken Alle in den Wald

An einer Kreuzung steht ein großer Mercedes, Kennzeichen aus Unterfranken. Am offenen Kofferraum eine junge 4-köpfige Familie. Mein „Guten Morgen“ erwidern sie. Der Vater ergänzt „Da brauchen Sie nicht mehr rein, wir haben schon alles gesammelt“ und hebt stolz einen mächtigen Steinpilz empor. Gute 20 cm, olivgrün das Futter, der Hut schon leicht wackelig auf dem Stiel. „Madenhochhaus“ fährt es mir durch den Kopf. „Na mal sehen, mache ich halt einen Spaziergang“, erwidere ich. Er lacht mir mitleidig nach.

Das waren Neulinge. Ihre Pfiffer stecken in Plastiktüten. Wechelesgänger dagegen ziehen für den Fall, dass sie etwas finden einen Stoffbeutel aus der Tasche und Aussiedler sind mit Aamer am Arm unterwegs. Die passionierten Pfiffersucher erkennt man am Körbla und dem Schneiddeiferla.

Sammlerglück – Pfiffer hinter Stamm und Stein

Außer Sichtweite der Familie mache ich einen Bogen zu meinen Jagdgründen, richte meine Augen suchend auf den Boden. So laufe ich meine Runden, überlasse es meinem Bauchgefühl ob ich einen Haken nach rechts oder links schlage. Oftmals werde ich belohnt. Mein Körbla füllt sich mit Pfiffer. Reifpilze, Hexenröhrlinge, Rotkappen und Birkenpilzen. Ein paar kleine Steinpilze hole ich aus der Fichtenniederung und im Hochwald finde ich eine Krause Glucke.

Pfiffer

Birkenpilz

Aa Begechnung, die mer net brauchd

Doo bassierds, es gnaggd ganz noah im Wold, kummd näher und blödzlich kummd es zu aaner Begechnung, die jeder Pfiffersammler vermeiden möchd. Naa, ka Wildsau. Schlimmer. A annera Pfiffersammler stidd vor am. Guud löffds etzerd, wenn ma niggd und in die annera Richdung außernanner gidd. Bleed werds, wenn ma oagwaafd werd. Glügg hob ich heut morrgn net.

Morrgn – aa schu unnerwechs?“
„Morrgn – ja des Radio zwängdd an ja dazu. Obb zehna kumma die Schoaren“
„Hm, hm – jeeds Joar des gleicha, erschd drumbeden und dann die Bilsvergifdungen verkündichen. Oafänger!“

Mein Gegenüber schaut mich prüfend an. Klar, er hält mich auch für einen. Und tatsächlich, wie nebenbei schießt er die Fragen aller Fragen auf mich ab und schielt dabei auf meinen zweckentfremdeten Picknickkorb.
„Gibbds denn woas?“

Die Klappen meines Korbes halten Art und Umfang meiner Pfiffer geheim. Aber trotzdem Obacht geben. Nur nicht mit der fränkischen Allzweckwaffe „Bassd schoo!“ antworten. Stattdessen flunkere ich: „Naaa, gibbd nix“ und zucke mit den Achseln. Auf meinem Gesicht eine enttäuschte Miene, die ich wegen mangelnden schauspielerischen Talents schon Jahre zuvor vor dem Spiegel einstudiert habe.

Na, gibbd werglich nix. Ich gi etzerd hamm. Hoad ja kaan Zwegg“, antwortet er.
No dann an scheena Doch nuch“, verabschieden wir uns und ich bin mir sicher, dass er ebenso wie ich erstmal eine Weile in eine getürkte Richtung gehen wird und noch lange nicht ans Heimgehen denkt.

Pfiffer

Mohrenkopf

Pfiffer suchen oder sammeln?

Ja, da kann man schon durcheinanderkommen. Der Eine geht sammeln, der Andere geht suchen. Ob suchen oder sammeln das entscheidet in meinen Augen der Pfiffer. Ich sammle standorttreue Pilze wie den Pfifferling, aber es gibt auch solche Fregga wie das Schweinsohr oder den Mohrenkopf. Jeeds Joar wuannersch – des is echts Glügg, wenn ich sa find. Je weiter der Morgen voranschreitet umso höher wird mein Blutzoll, den ich an Bremsen und Schnacken abtrete. Sie zwingen mich schließlich zur Aufgabe. Unmutig laufe ich zurück.

Nuuch aaner is auf Pfiffer aus

Zu meinem Auto haben sich inzwischen andere Wagen gesellt. Wie es der Deifel obber immer su will, just als ich den Kofferraum zuschlage, kommt ein weiterer Sammler zu seinem Auto. Er trägt einen Korb, über die Pfiffer ist ein Geschirrtuch gebreitet.

Morrgn“
„Morrgn“
„Scho loang do?“
„Es gidd“
„Was gfundn“
„A wengerla was – mit am Dutznd Eier drunner wird ma a sodd davoa“
bringe ich den Pilz-Kalauer an. Und dann verschlägt es mir die Sprache, mein Gegenüber traut sich tatsächlich das Unaussprechliche:
 „Wo gissd’n du nei?“

Klar doch – als ob eine Passionierte ihre Stellen verraten würde. Manche nehmen sie lieber mit ins Grab, wie mein Großvater eben! Aber zurück- erwartungsvoll blickt mich der Staabilssammler an.

Ich gi doa a weng nei“,  und umschreibe mit ausgestrecktem Arm einen Winkel von ca. 200°. Er grinst – richtig – ich bin a Passionierte. Net su leichd nei zer leeng, gell!

Pfiffer
Äquator für Saure Pfiffer?

Ach, freu mich mich auf mein Abendessen „fangfrische“ Pfiffer, eine gute Mischung für den perfekten Waldpilzgeschmack. Auf dem Weg nach Hause läuft die mittägliche Kochsendung im Radio. Ein fränkischer Sternekoch verrät sein Genießerrezept für Rahmschwammerl mit Semmelnknödeln. Und wieder einmal frage ich mich, wo in Bayern der Äquator zwischen ebendiesen Rahmschwammerln und den Saurra Pfiffer mid Baamwollna Glüüß verläuft?

Habt Ihr Appetit bekommen? Hier unser Familienrezept (ergibt 1 großzügige Portion) zum Nachkochen.

Saurra Pfiffer

1 kleine Zwiebel fein würfeln und in 1 EL Butter anschwitzen, sie soll keine Farbe bekommen.

1 EL Mehl zugeben und mit 1/4 l kaltem Wasser ablöschen.

Mit etwas Brühe, Salz, Pfeffer, 1 1/2 EL Brandweinessig, 1 Prise Zucker, 1 Lorbeerblatt und je 1 TL Pfeffer- und Wacholderkörner würzen.

Für den „echten“ Geschmack 2 Gewürznelken zugeben.

Die Sauce 1/4 Stunde köcheln lassen. Geputzte Pilze (ca. 4 Hand voll) zugeben und aufkochen lassen und einige Minuten je nach Pilzarten köcheln lassen – nochmals abschmecken.

Tipp: Bei Herbstrompeten, Hexenröhrlingen, Rotkappen oder Sandröhrlingen die Pilze vorblanchieren, sonst färben sie die Sauce dunkelbraun oder sogar schwarz.

Etzerdla obber ade und aan gudn!
Eure Sandra

Kleine Verständigungshilfe für Nichtfranken: 
Wechelesgänger Wegegänger, jemand, der nur auf den Waldwegen nach Pilzen sucht
Aamer Eimer
Schneiddeiferla Schneidteufel, ein kleines scharfes Messer mit glatter Klinge
Begechnung Begegnung
Doo bassierds… Da passiert es…
gnaggd knackt
a Annera ein Anderer
Guud löffds edzerd Gut läuft es jetzt
niggd nickt
ausernanner gidd auseinandergehen
Bleed werrds Es wird blöd
oagwaafd angesprochen werden, angequatscht werden
Aa schu unnerwechs Auch schon unterwegs?
Schoaren Scharen
drumbeden trompeten
Bilsvergifdungen Pilzvergiftungen
Bassd schoo Passt schon! So viel wie „Alles gut!“ oder OK. Allzweckantwort des Franken auf z.B. Wie geht’s dir? Hat es dir gefallen? Kann ich dir helfen? In diesem Fall steht es für „Nein, Danke!“. Bekommt man vom Franken ein „Bassd schoo!“ als Antwort auf die Frage „Schmeckt dir das Essen?“, kann das bei Zugereisten schon mal zu Gesichtsentgleisungen führen, ist aber das höchste Lob, das ein Franke ausspricht.
Zwegg Zweck
No, dann an scheena Doch nuch! Na, dann noch einen schönen Tag!
Fregga Frecker, jemand spitzbübisches, aber auch etwas, was nicht funktioniert z.B. die klemmende Schublade, eine Verpackung, die sich nicht öffnen lässt. Steigerung: Mistfregga
wengerla ein wenig