Handwerkskunst Bogenmacher

„Eine anfängliche Anziehung, und dann ein gemeinsames Streben nach Erfahrung, bei dem der Zauberstab vom Zauberer lernt und der Zauberer vom Zauberstab.“

(Garrick Ollivander in Harry Potter)

„Das ist das Geheimnis“, sagt der Bogenmacher Josef Gabriel, „so muss man sich die Beziehung zwischen einem Streichbogen und einem Musiker vorstellen“. Toller Vergleich. Harry Potters Zauberstab und ein Streichbogen. Hach, da bekomme ich doch direkt eine Gänsehaut. “Der Bogen ist es nämlich, der perfekte Voraussetzungen für diese gute Beziehung schafft. Ich kann bestimmte Parameter, die ich vom Musiker bekomme, erfassen und umsetzen. Aber dabei bedarf es viel Fingerspitzengefühl, um es genau auf den Punkt zu bringen. Es ist wie ein Glück des Findens.“ Und eben das ist es, was den Erfolg des Bogenmachers ausmacht.

Josef Gabriel Bogenmacher

Der Bogenmacher: Wer ist Josef Gabriel?

Auf der Fahrt nach Erlangen Kosbach zu meinem Termin mit dem Bogenmachermeister, hatte ich ja noch die Hoffnung vielleicht in den Genuss einer klitzekleinen musikalischen Kostprobe zu kommen. Dass Josef Gabriel Geige spielt, die Frage stellt sich für mich nicht. Warum sonst wird man Bogenmacher? Ja, aber denkste, denn da liege ich voll daneben – er spielt weder Geige noch ein anderes Streichinstrument. „Früher, da habe ich mal Gitarre gespielt“, sagt er. 

Aha. Nun will ich es aber genau wissen: „Wie wird man denn dann Bogenbauer?“ „Die Liebe war schuld damals“, lacht der Meister. Der Schwiegervater hatte eine Bogenmacherwerkstatt. Aja – aber ich verstehe noch nicht so ganz… “Es ist nicht irgendein Beruf, es ist ein Kunsthandwerk. Sägen, biegen, hobeln, feilen, fast alles Handarbeit. Die Feinarbeit – das ist die Kunst. Du musst präzise arbeiten und qualitativ auf alle Fälle besser sein als andere“, sagt der ehemalige Energiegeräteelektroniker begeistert. „Ich habe dann einfach umgesattelt. Und das würde ich immer wieder so machen“.

Arbeitsplatz für Handwerkskunst

Bogenbau: Der Beruf bestimmt mein Leben

Als ich die Bogenmacherwerkstatt in Kosbach betrete, spüre ich eine angenehme Ruhe. Also, das hatte ich mir ganz anders vorgestellt: Wenn man an eine Werkstatt denkt, was hat man dann im Ohr? Genau. Das Klappern von Werkzeug oder das Stimmengemurmel von arbeitenden Menschen. Und in dieser Werkstatt? Nichts. Hier hörst du nur Stille. Das fühlt sich gut an. Josef Gabriel schwärmt: „Nicht nur das Arbeiten am Objekt gefällt mir, auch der Umgang mit meinen Kunden, den Musikern, der ist großartig”. Wie er das so sagt, ist klar – er hat seine Profession gefunden. Internationale Preise und Urkunden zieren die Wände seiner Werkstatt. „Wenn du mit diesem Handwerk beginnst, sind Wettbewerbe für die Reputation ganz wichtig”, erklärt er, als er meinen interessierten Blick bemerkt.

Für eine individuelle Ausarbeitung seiner Bögen orientiert sich der Meister an Vorlagen des klassischen Bogenbaus aus dem 19., bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts. Kleinserien seiner Streichbögen werden weltweit exportiert. Auch Sonderanfertigungen sind keine Seltenheit. „Gerade arbeite ich an einem Bratschenbogen für einen Musiker, der sehr groß gewachsen ist und für den ein Bogen mit normaler Länge zu klein wäre. Bis der Künstler diesen Bogen in Händen hält, braucht es drei Monate. Würde das Holz nicht maschinell vorgearbeitet, könnte es sogar bis zu einem Jahr dauern.“ Unglaublich – so viel Aufwand!

Vom Holz bis zum Finish – es ist eine Philosophie

Da kann ich nur staunen. In Frage kommen nur edelste Materialien: Alle Bögen des Bogenmachers haben etwas gemeinsam. Es werden nur ausgewählte Fernambukstangen verwendet. Fernambuk ist ein Hartholz, das aus Brasilien importiert wird. Es besitzt eine optimale Biegesteifigkeit und die erforderliche Dichte für einen Bogen. Bis zur richtigen ‘Reife’ des Holzes vergehen mindestens fünfzehn FÜNFZEHN! Jahre. Solange wird das Holz in einem Kellerraum gelagert, um dann in einem trockenen Raum auf seine Weiterverarbeitung zu warten. Echt Wahnsinn!

Bespannt wird ein hochwertiger Bogen mit Haar vom Schimmel. Das Rosshaar wird – auf das richtige Maß gebündelt – zugekauft. Die sehr spezielle Bearbeitung des Haares wäre für den Bogenmacher zu aufwändig und zu zeitintensiv. Ebenholz und Elfenbein bilden den Abschluss. Sie halten die Haare am hinteren Ende des Bogens. Schleifen und Hochglanzpolieren vollenden das Werk. Erst mit Kolophonium eingerieben, bringen die Haare, die Saiten eines Instrumentes zum Schwingen. Nun kann der Musiker seinem Streichinstrument mit dem Bogen fröhliche oder schwermütige Melodien entlocken.

Handwerkskunst

Artenschutz und Engagement

Von Josef Gabriel erfahre ich, dass Fernambuk auf der ‘Roten Liste der gefährdeten Arten’ steht. Das Holz wurde ursprünglich wegen seines roten Farbstoffes abgeholzt ohne es nachzupflanzen. „Ein Fehler”, sagt der Bogenbauer, „deshalb ist für mich ein bewusster Umgang mit den natürlichen Ressourcen ein großes Thema, denn ich bin überzeugt, dass eine Nachhaltigkeit bei Fernambuk möglich ist. Darum engagiere ich mich auch mit einer Gruppe von Bogenmachern in einem Anpflanzprojekt in Brasilien. Unser Ziel ist es, dass ansässige Kleinbauern zu kommerziellen Zwecken Bäume anpflanzen und die Anpflanzungen betreuen. Sie erhalten so zusätzliche Verdienstmöglichkeiten“. Ein tolles Projekt und ein spannendes Thema… Neugierig geworden? Viele interessante Details zu diesem und anderen Projekten, mit tollen Bildern, findest du auf der Homepage von Josef Gabriel.

Was hat das Bogenmachen mit Franken zu tun?

„Sehr viel”, erklärt Josef Gabriel, “der Ursprung des Instrumenten- und Bogenbaus im 17. Jahrhundert war unter anderem auch im Sudetenland verbreitet. Nach dem zweiten Weltkrieg befanden sich unter den deutschstämmigen Vertriebenen aus dem Sudetenland auch viele Bogenbauer. Die haben sich im fränkischen Bubenreuth gesammelt und angesiedelt“. In ihrer alten Heimat waren sie Bauern. Sie haben dort den Instrumentenbau, in den Wintermonaten, im Nebenerwerb betrieben. In der neuen Umgebung ohne Grundbesitz, war Land- bzw. Viehwirtschaft ausgeschlossen. Da blieb nur der Instrumentenbau.

Ganz schnell entwickelte sich Bubenreuth in der Nachkriegszeit zu einem Zentrum namhafter Lieferanten für hochklassige Streichinstrumente. Weltweit. Bis der Markt schließlich – aus wirtschaftlichen Gründen – nach Fernost abwanderte.

Der Franke ein Aborigine – ein gewagter Vergleich?

„Mit ein paar Grunzern bringt er ganze Aufsätze zum Ausdruck – der Franke ist redefaul. Dafür aber treu, verlässlich und überaus hilfsbereit. Seine Traditionen hegt und pflegt er und er ist sesshaft“, so charakterisiert der Bogenmacher Gabriel die fränkische Mentalität. “Ha…Bogenmacher Gabriel, da haben sie mir gerade eine tolle Steilvorlage geliefert!”. Mir kommt da nämlich sofort eine Idee: Der Franke, ein deutscher Aborigine?… Also kommt, liebe Franken, jetzt bloß nicht eingeschnappt sein! Das ist ein großes Kompliment und trifft es doch voll, oder?

Der Meister erzählt mir von einem amerikanischen Schriftsteller, der ihn mal vor ein paar Jahren interviewt hat und der damals feststellte: “Für einen Franken bist du ziemlich weit gekommen, nämlich fast ganze drei Kilometer. In Büchenbach bist du geboren, jetzt lebst du in Kosbach”. So viel zum Thema Sesshaftigkeit. „Da ist es mir das erste Mal richtig bewusst geworden – ich bin Franke”, erinnert sich Josef Gabriel. “Franken ist meine Heimat. Hier gehöre ich hin”. Spüre ich da eine gehörige Portion Stolz?

Werkzeug zur Bogenherstellung

Weltoffen und verwurzelt – ein Widerspruch?

Nein. Ganz und gar nicht. Josef Gabriel kann auch weltweit. „Durch meine internationalen Kontakte und Projekte, bin ich in der ganzen Welt unterwegs“, schmunzelt er. Und internationale Gäste, sind auch immer wieder in Kosbach zu Besuch. Sie kommen aus Japan, Amerika oder der Türkei und bleiben oft mehrere Wochen, um vom Bogenmachermeister zu lernen oder bereits erworbene Kenntnisse zu verfeinern. Ein junger Finne hat in Kosbach sogar eine dreijährige Bogenmacherlehre absolviert.

Der Bogenmachermeister

Kontakt:
Josef P. Gabriel
Barschenweg 7, 91056 Erlangen
Tel.: 09131 99 09 94

Mehr auf der Website des Bogenmachers

Faszination und viele Eindrücke

Also, mir jedenfalls hat es total viel Spaß gemacht, einzutauchen in diese komplexe Materie! Vielen Dank, Josef Gabriel, für die Zeit, die Sie sich genommen haben, mich in die Welt des Bogenmachens mitzunehmen. Es war unglaublich spannend. Vieles habe ich hier leider en détail nicht wiedergeben können – es hätte den Rahmen gesprengt. Bitte sehen Sie es mir nach. Eines ist ganz sicher: Beim nächsten Konzert schaue ich Cello, Bratsche und Geige mit ganz anderen Augen an. Und dann werde ich an Sie denken und daran, welch faszinierendes Handwerk Sie ausüben.

Der Bogenmachermeister

Das könnte dich auch interessieren:

Plötzlich Wanderbuchautorin: Erlebnistouren mit Kindern in Franken